Geschminkte Wahrheiten

von Ines Imdahl

Geschminkte Wahrheiten

von Ines Imdahl

Wie Make-up das wahre Ich zaubert

Gebräuche

Das Gesicht zu färben ist ein uralter Brauch. Neben der Verschönerung als Hautschmuck gab es immer auch weitere Funktionen, die mit dieser besonderen Farbe verbunden waren. Als Kriegsbemalung sollte sie andere abschrecken und den eigenen Mut stärken. Sie war ritueller Fruchtbarkeitskult als Signal der Verführung und Bereitschaft der Empfängnis. Mit ihr konnte man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppe zeigen – und sich von anderen entsprechend abgrenzen.

Heute gehört Make-up häufig zum normalen Alltag, zur Pflege und zum persönlichen Stil der Frauen dazu. Was Frauen dann signalisieren wollen, kann wiederum sehr unterschiedlich sein: Neben dem erotischen Signal – das sicher vielen als Erstes durch den Kopf geht – möchten viele Frauen auch mehr Selbstsicherheit ausstrahlen. Vom Kaschieren und Abdecken kleiner Fehler, über das Highlighten einzelner Partien wie Lippen oder Augen, bis hin zur kompletten Verwandlung für einen Auftritt ist noch immer eine ganze Bandbreite möglich.

Gezähmte Natur

Das Wichtigste aber: Frauen, die sich schminken, fühlen sich ohne Make-up gar nicht wie sie selbst. Sie fühlen sich ohne nicht „komplett“, beinahe wie nicht ganz angezogen. Ungeschminkt – so wie die Natur sie geschaffen hat, morgens nach dem Aufstehen vor dem Spiegel – sind diese Frauen sich selbst fremd. Sie erleben sich erst als „natürlich“ – im Sinne ihrer Natur entsprechend, wenn sie mit ihrem morgendlichen Schminkritual fertig sind. Insofern reden Frauen immer davon, dass sie gerne „natürlich“ aussehen, haben aber ein harmonisiertes und schmeichelndes Naturbild vor Augen.

Zwischen Schönheitsideal und Selbst-Bestimunng

Wie viel Farbe, Wimperntusche oder Lippenstift ist richtig für mich oder die Situation? Ab wann fühle ich mich angemalt – was ist zu wenig, um die Grausamkeiten der Natur zu verdecken? Im Abwägen zwischen Zuviel und Zuwenig an Make-up geht es immer auch um die Frage nach gängigen Schönheitsidealen. Mit Make-up versuchen Frauen, diesen einerseits gerecht zu werden, und andererseits, sich nicht von genau diesen Idealen dominieren zu lassen. Die Gratwanderung ist, seinen persönlichen Stil innerhalb der bestehenden Ideale zu finden. Anders formuliert: Frauen richten sich nach Idealen und kennen oft die neuesten Trends in puncto Make-up. Gleichzeitig „rebellieren“ sie immer auch gegen gesellschaftliche Vorgaben und bleiben sich selbst in zentralen Punkten treu. Das kann bedeuten, dass der Lidstrich immer so und nicht anders gezogen wird oder aber eine bestimmte Lippenstiftfarbe unabdingbar ist.

Zwischen Schönheitsidealen und persönlichem Stil findet sich also letztlich die geschminkte Wahrheit – das „natürliche, authentisch“ Ich.

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