von Ines Imdahl

Jedes Jahr im Winter‘ läutet ein Kölsches Karnevalslied das wiederkehrende Wintermärchen ein. Der Rest Deutschlands kann oft nicht nachvollziehen, weshalb von Altweiberdonnerstag bis zur Nubbelverbrennung am Veilchendienstag Ausnahmezustand herrscht. Der aufgezeichnete Sitzungskarneval kann das genauso wenig vermitteln wie die endlos Alaaf und Helau Übertragungen der Rosenmontagszüge mit ihren politischen Motivwagen.

Vergleichbar mit dem, was sich gerade auf den Straßen abspielt, ist vielleicht nur das Sommermärchen zur WM 2006. Dabei sind die Deutschen in einer Art Rausch geraten, den die Kölner jedes Jahr inszenieren. Was war passiert? Wahrscheinlich erstmalig seit den ‚Leiden des jungen Werther‘, entstand eine für fast alle spürbare Lebensfreude, ein durchgängiger Optimismus und eine sich durch ungewöhnliche Leichtigkeit auszeichnende Feierkultur. Denn bekannt sind die Deutschen international eher für ihre ‚German Angst‘ und ihre humorlose Ernsthaftigkeit.

Fast zufällig entwickelte sich beim Public Viewing 2006 eine Art deutschlandweiter Straßenkarneval: Männer und Frauen, Engländer, Holländer und Deutsche, Arm in Arm, Glas an Glas vor den öffentlichen Riesenbildschirmen, singend, trinkend und verkleidet! Nationalfarben auf Blumenketten, bunt angemalte Gesichter, Fahnenumhänge waren die beliebtesten Kostüme. Es war ein sechswöchiger Dauerflirt, ein Riesenfest, das auch ohne den dazu konsumierten Alkohol bereits berauschende Qualitäten hatte. Weil Gäste zu Freunden wurden, jeder mit jedem fieberte und feierte, entwickelte sich das Sportereignis zu einer großen gemeinsamen Sache. Gesellschaftliche und nationale Schranken wurden aufgehoben. Dieses Grundprinzip des Straßenkarnevals gab es schon vor 5.000 Jahren in Mesopotamien. Für wenige Tage galten alle vom Sklaven bis zum Würdenträger gleich viel. Es wurden Ess- und Trinkgelage sowie Festumzüge veranstaltet. Im Schutz der Narrenfreiheit konnte außerdem jeder sagen, was er wollte.

Heute wird das ‚Gleichmachen‘ und sich Ähnlich-Fühlen paradoxerweise gerade durch die unterschiedlichen Kostümierungen hergestellt: Sie signalisieren nicht nur die Bereitschaft mit zu feiern, sondern heben auch die üblichen ‚Codes‘ der Berufs- und Standeszugehörigkeit auf. Statt Anzug und Blaumann zu tragen, werden in diesem Jahr viele einheitlich zum ‚Tier‘. Wer das WM-Feeling wiederbeleben will, kommt am besten nach Köln. Hier wird gemeinsam mit den Düsseldorfern und Mainzern zumindest im Straßenkarneval der Standesdünkel aufgehoben.