Stillgelegt & Selbst-Sediert

von Ines Imdahl

Selbst-Sedierung

Stillgelegt & Selbst-Sediert

von Ines Imdahl

Warum uns Corona so müde macht…

Unser Alltag ist von einer zunehmenden bleiernen Schwere durchdrungen. Viele Menschen sagen, es ist ein einziger „Vernebelungs-Zustand“. Alles verschwimmt, man weiß nicht mehr recht, wann man was erlebt hat. Falls man überhaupt etwas erlebt hat. Gestern, vorgestern oder vor einer Woche? Wann habe ich diese Serie geschaut, wann war noch mal dieser Call?

➡ Durch Müdigkeit signalisiert nicht nur der Körper, sondern auch unsere Psyche: „Zieh dich von der Außenwelt zurück!“ Wir wollen die Welt und das Unglück da draußen nicht mehr wahrnehmen, uns abschotten. Das tut die Psyche, wie der Körper, wenn es zu viel wird.

➡ In Corona-Zeiten ist Rückzug nicht nur verordnet, sondern auch eine Notlösung, um uns nicht ständig mit dem fragilen und gleichzeitig nicht enden wollenden Zustand auseinandersetzen zu müssen. Wir befinden uns in einer Art Selbst-Sedierung!

➡ In „Hemmung, Symptom Angst“ beschreibt schon Sigmund Freud, dass das ständige Unterdrücken von unseren Neigungen – wie aktuell Menschen treffen, feiern, rausgehen und uns umarmen – unglaublich anstrengend ist (Jens Lönneker, danke für diesen Hinweis). Wir üben uns aktuell ständig in Zurückhaltung & Unterdrückung unserer gewünschten Tätigkeiten. Das macht müde, ausgelaugt.

Um das besser aushalten zu können, flüchten wir in die Selbst-Sedierung!

Alkohol (ein Winner der Krise) und Netflix (an Zuwachsraten kaum zu überbieten, aber auch andere Streaming-Dienste erfreuen sich an Dauer-Einschaltquoten) sind gute „Produkte“, die bei der Sedierung helfen.

Nun werden wir noch weiter still-gelegt durch die Ausgangssperre. Noch weniger Bewegung. Noch mehr Luft anhalten. Dabei haben wir längst keine Puste mehr.

Und kaum noch Motivation. Denn für Motivationen brauchen wir ein Ziel, eine Zuversicht, eine Hoffnung. Die gibt es kaum. Denn die Aussicht auf Reisen oder Restaurantbesuche ist wieder in die Ferne gerückt. Eigentlich ist sie kaum zu sehen. Und: die Maßnahmen – immer die gleichen im übrigen (Lesen Sie mehr dazu hier.) scheinen kaum etwas zu bringen:

„Das letzte Jahr fühlte sich an, wie eine Dauer-Diät bei der man nicht 1 Kilo abgenommen hat.“

(Ines Imdahl im Frühstückssalon bei Clubhouse)

Hätten wir nicht die Möglichkeit der Selbst-Sedierung, könnten wir den Zustand nicht nur – noch – weniger aushalten, sondern es käme vermutlich noch viel mehr zur Rebellion und zivilem Ungehorsam (als es z.B. bei den Verschwörungstheoretikern der Fall ist).

Das schreibt auch Sascha Lobo in seinem Spiegel-Online Artikel. Er hat jetzt seine eigenen Corona-Regeln, statt sich weiter unsinnig still-legen zu lassen. Dabei ist anzumerken, dass er teilweise für sich selbst strengere Regeln anlegt als vorgeschrieben. Aber der mürbe machenden, ständig wechselnden Regel-Unlogik der Regierung will er nicht mehr folgen. Entweder müde, oder rebellisch. Herr Lobo schreibt selbst, für wie gefährlich er das hält.

Die meisten werden wohl nicht rebellieren, sondern sich zunehmend häufiger in die wattige „Müdigkeit“ flüchten. Denn Ärger & Angst lassen sich gerade nirgendwo „abfackeln“. Nicht auf dem Fußballplatz, nicht beim Tanzen, nur sehr eingeschränkt im Sport. Und sich nur innerlich und beim Nachrichten-Schauen aufzuregen, tut uns seelisch noch weniger gut…



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