von Ines Imdahl

Das Thema Impfen ist ein echtes Drama hierzulande. Während beispielsweise Israel Ende März durchgeimpft ist, gelingt es unserer neuartigen Planwirtschaft offenbar bis zum Frühling nicht mal alle Älteren zu immunisieren. Neben der Verlängerung der Pandemie und dem drohenden wirtschaftlichen Exodus, stirbt bis dahin wohl auch die Impfbereitschaft bei gut der Hälfte der Bevölkerung. Die gute Nachricht: Wir brauchen immer weniger Dosen für die verbleibenden „Freiwilligen“.

Impfen war schon vor Corona nicht unumstritten. Es gab Gegner und Befürworter. Covid 19 hat die Situation weiter verschärft. Laut einer internationalen YouGov Studie aus dem Dezember, sind nur  59 Prozent der Deutschen impfbereit. Das zeigt, wie tief der Riss durch die Gesellschaft geht

Ratio reicht beim Impfen nicht aus – stattdessen braucht es Emotionen!

Aus psychologischer Sicht sind die Kommunikation der Bundesregierung und die Art der Medienberichterstattung nicht ganz unschuldig an der sinkenden Bereitschaft. Damit ist nicht nur die mangelnde, lückenhafte Information zum Thema Impfen gemeint. Das Verhalten der Menschen ist nämlich viel weniger von „Aufklärung“ gesteuert als wir meinen. Wie wissen, dass Rauchen schädlich ist – und rauchen trotzdem weiter. Viel wichtiger ist eine Kommunikation, die uns auch und vor allem auf der emotionalen Ebene überzeugt. Dann nutzen wir die logischen „Argumente“, um unser Handeln postrational zu legitimieren.

Eine wirklich bewegende Kampagne für das Impfen ist bisher nicht gelungen. Die „offizielle“ Impfkampagne der Bundesregierung kann einen – wie ein Kleinkind bei der Impfung – zum Weinen bringen. Ein YouTube-Filmchen, das an Sprödität (ja, das Wort, finde ich, muss dafür erfunden werden) kaum zu überbieten ist (oder müsste man hier unterbieten sagen?): Nachrichtenschnipsel aus 2020, die keinerlei New News enthalten. Die Botschaft bleibt fraglich. Die Story sowieso. Wie genau wirkt das? Warum genau soll man sich impfen lassen? Was könnte man davon haben? Das Statement am Ende findet sich auch in der dazu „passenden“ – den meisten Menschen unbekannten – Printversion: „Deutschland krempelt die Ärmel hoch“. Das bedeutet so viel wie: noch mal durchhalten, aushalten, weiter verzichten. Noch mal etwas Schmerzhaftes durchstehen. Noch nicht mal als Bitte oder Aufforderung, sondern als Fakt formuliert.

Es steht zu befürchten, dass die Botschaft der Kampagne nicht nur nicht wirkt, sondern sogar kontraproduktiv ist. Die Wirksamkeit oder zumindest die Unschädlichkeit der Corona-Impfung wird durch die unbewusste Botschaft der Kampagne selbst nämlich in Zweifel gestellt: Das Pflaster verweist auf die Versehrtheit nach dem Impfen. Sicher, das ist „real“ so nach dem Impfen. Als Kommunikation aber viel weitreichender: Die „Verletzung“ unter dem Pflaster schürt Zweifel, zumindest kleine. Ist das wirklich so unschädlich? Gibt es vielleicht doch unerwünschte Nebenwirkungen? Ist es richtig mich freiwillig einer weiteren Gefahr auszusetzen?

Was ist beim Impfen eigentlich für mich drin?

Diese – zugegebenermaßen kleinen – Zweifel könnte man vielleicht noch ausräumen, wenn, ja WENN, es ein ausgleichendes Versprechen gäbe. Was hat man vom Impfen? Was könnte der Vorteil sein? Wo liegt die Freude, die Lust, die man gewinnt, wenn man sich impfen lässt? Und zwar die persönliche Freude. Nicht allein nur der abstrakte, rationale, vernünftige Mehrwert für die Gesellschaft. Den kann man herstellen, intellektuell, im Kopf, klar. Man weiß, es wäre besser, wenn alle geimpft wären. Aber für „mich persönlich“ hat das Geimpft-Sein, keinerlei Vorteil, keine zusätzliche Freiheit, nichts. Man habe bitte nur die Ärmel hoch zu krempeln, es über sich ergehen zu lassen. Und zu hoffen, dass es nicht schadet. Es ist nicht nur kein positives Versprechen in der Kampagne, es schürt sogar die Sorge davor, dass das Impfen mehr „Aua“ macht als es nutzt, zumindest unbewusst. Liebe Bundesregierung, das geht besser. Wie gut, dass die Kampagne bisher nicht allzu viel Aufmerksamkeit erreicht hat.

Diese Aufmerksamkeit in der Impfkommunikation gibt es an anderer Stelle. Und da zeigt sich, dass es auch noch „schlimmer“ geht. In der öffentlichen und medialen Diskussion wird der Versuch, die Impfung an einen kleinen Vorteil zu knüpfen – zum Beispiel eine frühere, größere Reisefreiheit oder Kinobesuche  – im Keim erstickt. Klar ist es problematisch, dass auf der einen Seite nur Ältere den Impfstoff bekommen und denjenigen, die keinen Zugriff haben, weiterhin das Recht auf völlige Bewegungsfreiheit entzogen wird. Das schürt Neid und war als Idee nicht zu Ende gedacht.

Dabei wäre das ein psychologisch ein Anreiz, ein eventuelles, kleines Risiko einzugehen. Wenn man etwas davon hat, etwas gewinnt. Und nicht nur möglicherweise, wenn auch unwahrscheinlicher Weise, sich schaden könnte.

Was der Placebo Effekt mit der aktuellen Kommunikation zum Thema Impfen zu tun hat.

Stattdessen nimmt die Negativ-Spirale weiter ihren Lauf: In den Tagesthemen und in den Medien wird häufiger davon berichtete, wie viele Menschen sich auch aus dem Pflegebereich nicht impfen lassen wollen. Das ist auch Kommunikation. Denn man kann nicht nicht kommunizieren. Es ist sogar die zentrale Kommunikation über die Impfung. Kommunikation, die weitere Zweifel schürt. Wenn so viele Zweifel hegen, sogar die, die es eigentlich wissen müssten, ist da vielleicht doch etwas dran? Diese Form der Kommunikation ist wie der Beipackzettel mit den Nebenwirkungen: je mehr man davon liest, desto mehr hat man das Gefühl, das Ganze könnte schädlich sein. Dass es wirklich so ist, hat Dr. Martin Andree in seiner Habilitation im Buch „Placebo Effekte“ nachgewiesen: 5- 6 Mal häufiger treten Nebenwirkungen ein, wenn man den Beipackzettel liest. Das Gefährlichste am Medikament ist demnach der Beipackzettel. Auch das ist ein Resultat: Die Kommunikation über die negativen Folgen der Impfung führt zu negativen Folgen der Impfung. Zunächst in den Köpfen – dann zunehmend auch tatsächlich.

Wir brauchen also Lust, Perspektive und Freude – damit ein Run auf die Impfung funktioniert. Vielleicht gelingt das ja, bis endlich auch genug Impfstoff für alle da ist. Je weniger dabei über die „Schädlichkeit“ kommuniziert wird, desto besser werden wir mit der Impfung über die Runden kommen.

 

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