Zuversicht: privat hoch, gesellschaftlich tot - Ines Imdahls Kolumne in der absatzwirtschaft

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Zuversicht: privat hoch, gesellschaftlich tot - Ines Imdahls Kolumne in der absatzwirtschaft

Ines Imdahl

Gesellschaftliche Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitige privater Zufriedenheit: Deutschland befindet sich in einer Zuversichtsparadoxie. Warum diese Spaltung gefährlich ist und weshalb Marken und Medien jetzt Gemeinschaft ermöglichen müssen. Deutschland steckt in einer emotionalen Schieflage: privat erstaunlich stabil, gesellschaftlich tief verunsichert. 85 Prozent sagen, ihnen und ihrer Familie gehe es gut. Gleichzeitig glauben 78 Prozent, dass „wir das Land gegen die Wand fahren“. Diese paradoxe Gleichzeitigkeit ist kein Stimmungsproblem. Sie ist ein strukturelles, verursacht durch den Verlust von Selbstwirksamkeit im öffentlichen Raum.

Die Menschen glauben: „Im eigenen Leben habe ich Handlungsmacht, im öffentlichen Raum habe ich sie nicht.“ Nur zehn Prozent meinen, dort etwas bewirken zu können. Ohne die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit entsteht jedoch kein Vertrauen in die Zukunft – besonders nicht in die gesellschaftliche.

Lernen vom Kleinen und Privaten Was folgt, ist Rückzug ins Private. Menschen gestalten Küchen, Gärten, Körper, Routinen, Beziehungen. Sie optimieren das Private – und radikalisieren das Urteil über „die da oben“. Systemkritik wächst nicht nur aus Ideologie, sondern auch aus Ohnmacht. Das erklärt mit, warum Populismus in der aktuellen Lage gedeiht.

Gleichzeitig zeigt eine Studie* im Rahmen des „Projekt Zuversicht“ etwas Hoffnungsvolles: Dort, wo Menschen Gemeinschaft erleben und gemeinsam wirken – im Verein, Ehrenamt, Theater, Nachbarschaft –, entsteht sofort mehr Zuversicht. 77 Prozent wären schon zuversichtlicher, wenn sie wenigstens im Kleinen etwas bewegen könnten, 82 Prozent, wenn sich die Gesellschaft gegen große Bedrohungen vereinen würde.

Vertrauen, Zuversicht und Veränderungsbereitschaft entstehen nicht durch Appelle, sondern durch erlebte Wirksamkeit in der Gemeinschaft – auch in kleinen Gemeinschaften, die aber vielen heute schon verloren gegangen sind.

Machen statt senden Die Menschen wollen keine entmutigende Kommunikation mehr, sie wollen konkrete, bessere Erfahrungen. Medien verlieren Vertrauen, weil sie Dauerkrise senden, ohne Handlungsräume zu öffnen. Zwei Drittel wären zuversichtlicher bei weniger Panikmache und mehr konstruktiver Orientierung. 84 Prozent wissen gleichzeitig: Demokratie funktioniert ohne unabhängige Medien nicht. Das ist kein Widerspruch, das ist ein Weckruf.

Für Marken, Medien und Organisationen bedeutet das: weg vom reinen Deuten und Kritisieren, hin zum Ermöglichen konkreter Erfahrung. Relevanz entsteht, wenn Marken Räume schaffen, in denen Menschen gemeinsam wirksam werden: lokal, konkret, erfahrbar. Das „Projekt Zuversicht“ setzt genau dort an – mit Ideathons, lokalen Initiativen, vernetzten Ideen aus Medien, Politik und Wirtschaft. Nicht reden, bauen. Nicht nur kommentieren, ermöglichen.

Unternehmenslenker und CMOs können entscheiden: Entweder reiner Beobachter der Krise zu bleiben oder Architekten der Wirksamkeit zu werden. Vertrauen entsteht nicht durch Kommunikation allein, es entsteht durch gemeinsames Tun. Und damit ist Zuversicht zu gestalten für Unternehmen kein Add-on, sondern ein echter Business-Case für die eigene Zukunftsfähigkeit.

Lesen Sie hier die Kolumne auf der Seite der absatzwirtschaft.

  • Das „Projekt Zuversicht“ ist eine Initiative vom Rheingold Salon, #UseTheNews und der Initiative18 und wird von einem breiten Bündnis von Medienhäusern, Vermarktern, Verbänden und Institutionen unterstützt. Herzstück des Projekts ist eine tiefenpsychologisch fundierte und repräsentative Studie, die offenbart hat, dass Deutschland in einer massiven Vertrauens- und Zuversichtskrise steckt. Zugleich sehnen sich die Menschen nach Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft. In verschiedenen Ideathons wurden Ende 2025 von jungen Talenten konkrete Handlungsansätze entwickelt, im April 2026 geht es mit einem Megathon in die Umsetzungsphase der besten Ideen.

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