Vom Sinn der Menschlichkeit in der heutigen Zeit.

Von Dipl.-Psych. Ines Imdahl.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Covidiot. Das Virus und die daraus resultierende Pandemie sind eine ernste Bedrohung für uns. Einschränkungen und Schutzmaßnahmen sind zwingend erforderlich. Die Frage ist nur, wie viel unseres Mensch-Seins wir dauerhaft „opfern“, wenn wir auf das Überleben von Künstlern, Malern, Musikern (bitte gern ergänzen) nicht aufpassen.

Wie nötig ist aus psychologischer Sicht die Kunst, die Kultur, das Theater, die Musik wirklich? Ist das reines „Vergnügen“, pure und überflüssige Unterhaltung?

 

Ein Statement gleich vorab:

Kunst und Kultur sind für den Menschen überlebensnotwendiger seelischer Unter-Halt.

 

Bereits die Formulierung, Spaß und Vergnügen seien verzichtbar, basiert auf einem Trugschluss. Kinder, die nicht Spielen, verkümmern. Das Spiel ist vom Anbeginn unseres Lebens ein entscheidender Entwicklungstreiber. Der Psychologe Jean Piaget hat dies in seinen Theorien zur geistigen Entwicklung ausführlich dargestellt. Für Erwachsene gilt: die „Unterhaltung“ des Seelischen ist aus psychischer Sicht „system-erhaltungs-relevant“. Für die Gesundheit der Psyche, für die Lebensfreude und auch für unsere Leistungsfähigkeit im Beruf.

Freilich können wir die seelische Unterhaltungsnotwendigkeit im jetzigen Rahmen kaum befriedigen. Dennoch sind Kunst und Kultur auch für das Überleben des Menschlichen – vielleicht der Menschheit selbst – entscheidend. Der französische Regisseur Jacques Malaterre zeigt, wie der weise Mensch Homo Sapiens anders als der Neandertaler den Ackerbau erfindet, den ersten Wolf zähmt und ein Bewusstsein für seine Vergangenheit schafft, indem er mit der Höhlenmalerei Geschichten erzählt und somit zum Kulturschaffenden wird. Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Yves Coppens und Fabrice Demeter vom Collége de France in Paris sowie Michael Bisson von der McGill Universität in Montreal geht er sogar soweit die Vermutung in den Raum zu stellen, nur mit Geschichten, die sich auch als Ausdrucksformen der Kunst zeigen, kann sich eine Kultur erhalten und überleben. Im O-Ton hieß es: “Vernichtet man die (Kunst-) Werke und die Geschichten der Menschen… ist es, als hätten sie nie existiert“[1]. Das Aussterben des Neandertalers erschiene damit in einem völlig neuen Licht. Nicht die vielfach zitierte Größe des Gehirns ist die „Ursache“, sondern die fehlende Kunst und Kultur.

 

Offenbar geht nicht nur die psychologische Betrachtungsweise davon aus, dass die Kultur einer menschlichen Spezies Geschichten, Literatur und Kunst braucht, um zu überleben.

Einst war es die Höhlenmalerei als vielleicht einfachste Form der Kunst. In unserer Vielfalt des Mensch-Seins gibt es heute unzählige weitere Kunst-Formen. Einerseits sind sie Ausdrucksform unseres Seelenlebens. Dies wird keiner bestreiten. Andererseits sind sie Entlastung, Entwicklungsmöglichkeit und menschlich-notwendige Betätigungs-Form. Und zwar für Tätigen und Partizipierenden.

 

Die zunehmenden Depressionen und anderen Formen der Traurigkeit in Corona-Zeiten verweisen auf die Notwendigkeit der seelischen Unter-Haltung. Wir müssen uns für die Künstler, Musiker, Literaten in diesem Land stark machen – damit wir nach der Krise überhaupt noch eine Kultur und Gesellschaft sind. Auch die Unternehmen, Marken und Produkte können nur überleben, wenn Menschen nicht verkümmern. Sie brauchen gerade im Zeitalter der Digitalisierung das Kreative, Inspirierende, um sich zu entwickeln. Seelischer Unter-Halt ist letztlich auch die Basis für unseren finanziellen. Für unseren persönlichen und für den der Wirtschaft.

[1] Sendung terra X „Homo Sapiens 2: Die Eroberung der Welt“ vom 27.12.2013

 

 

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