Warum die Zerstückelung des Zusammenhangs eines unserer größten Probleme ist…

von Ines Imdahl

Zerstückelung des Zusammenhangs

Warum die Zerstückelung des Zusammenhangs eines unserer größten Probleme ist…

von Ines Imdahl

… und unsere gesamte Kultur eine Silo-Kultur ist.

Am Anfang war der Urknall, bei dem irgendwie alles, das miteinander verbunden war, auseinanderstrebte. Auch wenn das seltsam theatralisch klingt, macht es vielleicht deutlich, wie sehr die Welt in einem großen Zusammenhang steht. Dass sich die Dinge und unser Handeln gegenseitig beeinflussen. Es von allem immer Auswirkungen auf anderes gibt. Und zwar durchaus auch sehr komplexe und nicht immer sofort zu durchschauende.

Wir neigen dazu, zu vergessen, dass unsere Entscheidungen, keine Silo-Entscheidungen sind. Wir neigen dazu, komplexe Zusammenhänge gar nicht wahrzunehmen oder sogar aktiv auszublenden.  

Wenn es um Corona, das Klima und dessen Schutz, die Unternehmen, deren Kunden und Mitarbeiter geht, tun wir so, als ob das eine nichts mit dem anderen zu tun hätte.

Die Unternehmen selbst – Silo-Kulturen. Schilderungen und Analysen von CX Experten wie Cyrill Luchsinger zeigen immer wieder auf, wie schwer es ist die Abteilungen miteinander zu verbinden. Sie wollen nicht interagieren, vermeiden es gar, wo es möglich ist. Als ob nicht jeder Unternehmensbereich auf die Wahrnehmung beim Kunden Einfluss hätte – und die Kunden-Experience in eine „Abteilung“ weggesperrt werden könnte. Sofern es überhaupt eine Abteilung oder einen Verantwortlichen gibt im Bereich CX-Management. Überhaupt, dass der Kunde als lästiges Anhängsel von Unternehmen gesehen wird. „Wie bekomme ich die Kundenperspektive in mein Unternehmen gezaubert“ – war kürzlich eine Aufgabenstellung an mich für einen Impuls-Vortrag. Unternehmen hier – Kunde dort. Welche andere Perspektive als die Kunden Perspektive könnte das Unternehmen denn sinniger Weise einnehmen? Es lebt doch vom Kunden.

Gut, die Mitarbeiter-Perspektive ist sicher auch relevant. Da ist es allerdings ähnlich: Unternehmen hier – Familie dort.

Wie jetzt Familie? Familien und Kinder wurden in der Bedeutung für Unternehmen bis zum Lockdown ausgeblendet. Jetzt kommen sie ins Bild – in den Video-Calls. Unternehmenskultur ist kein vom Alltag und Familienleben getrennter Bereich. Die Bereiche beeinflussen sich massiv gegenseitig. In den rheingold salon Studien zum Employer Branding wird deutlich: Menschen verkraften einen Jobverlust eher mit einer „heilen“ Familie im Backround. Umgekehrt stützt eine befriedigende Arbeit auch ein glückliches Privatleben. Selbstredend kann eine zerrüttetes zu Hause auch dem Unternehmen schaden. Der Lockdown zeigt deutlich,  dass die Trennung von Beruf und Familie künstliche Silos kreiert.  Kinder auch noch mit zu denken, sprengt für fast alle – nicht nur Unternehmen – endgültig die Grenze. Und wie wir jetzt lernen, stellt HomeOffice auch nicht die vielgepriesene Lösung für die Vereinbarkeit dar. Gepaart mit HomeSchooling, fehlenden Räumlichkeiten und Rückzugsmöglichkeiten führt dies zu einer Belastung, die manch eine Frau in den Burnout oder schlimmeres getrieben hat. Nur wenn man  Zusammenhange sieht, kann man auch Strukturen verbessern.

Aber unsere gesamte menschliche Kultur ist aktuell eine Silo-Kultur.

Wir sehen den Zusammenhang nicht nur nicht, sondern zerstückeln fast jeden – Zusammenhang in Silos.

Das gilt natürlich auch für Corona und den Klimawandel. Auch das steht im  Zusammenhang. Nicht nur, weil wir in Deutschland Klima-Ziele erreichen, die ohne Corona undenkbar wären. Sondern auch weil es wahrscheinlich ist, dass Corona ohne den massiven Abbau von Lebensraum und Urwäldern gar nicht erst existierte. Dr. Frauke Fischer, Expertin für Biodiversität und #futurewomen sagt: „Da draußen gibt es bis zu 850.000 weitere Viren, die uns Menschen gefährlich werden und weitere Pandemien auslösen können. Und dass sie das können, liegt an uns und unserem sträflichen Umgang mit unseren Ökosystemen“ Regenwald-Abholzen in Brasilien geht uns etwas an – denn es wird sich auf uns auswirken, wie #futurewomen Gründerin Janine Steeger vor ein paar Tagen in ihrem Post auf LinkedIn deutlich macht.  Aber wir machen die Augen zu vor der nächsten drohenden Pandemie, die einfach wahrscheinlicher ist, als dass sie unwahrscheinlich ist.

Wir denken nicht ganzheitlich. Überhaupt ganzheitlich, was für ein Begriff. Er geht bei den meisten wohl als selbstverständlich durch. Zu selbstverständlich – denn er versteht sich nicht von selbst. Wir trennen Körper vom Geist, Mensch von Familie, Unternehmen von Kunden, Corona vom Klima. Symptome vom auslösenden Sinn. Selbst bei unserem eigenen Körper.

Warum tun wir das? Weil es einfacher ist, als das Ganze zu betrachten. Weil man leicht verrückt werden kann, wenn man alles und jedes bei oder jedem Tun bedenkt. Denn das geht auch nicht. Unser Geist ist nicht unendlich. Auch unser Weitblick ist vermutlich noch kurzsichtig. Weil man nicht der Mahner, der mit dem erhobenen Zeigefinger sein will, der der Spaßverderber ist. Wir alle wollen geliebt werden. Weil es bequemer ist, nur den kleinen bequemen Ausschnitt zu betrachten? Nur die Zahlen des Unternehmens, nicht den Kunden? Nur den Lockdown in Deutschland, nicht die Impfnotwendigkeit weltweit? (Denn was für ein Unsinn ist das wieder zu glauben, die impfresistente Mutante könne nicht aus den nichtgeimpften Ländern wie Indien oder Afrika kommen, die wiederum nicht geimpft werden, selbst wenn wir es werden würden, weil man die Patente nicht frei gibt, um dort schnell Generika produzieren zu können, die wiederum nicht frei gegeben werden, um die große Pharmaindustrie nicht zu „demotivieren“, da sie ansonsten in der nächsten Pandemie keine Impfstoffe mehr produziert und daher auf ihren Trip-Waiver Vertrag pocht (oh, das ist jetzt wirklich ein noch größerer Zusammenhang) , ansonsten aber nach Facebook, Google, Apple, Amazon und Co seit Jahren die am besten verdienenste Branche überhaupt ist, der man das nicht zumuten will… ich muss Luft holen…bei so viel zusammenhängendem Unsinn!)

Oder vielleicht auch, weil man glaubt, selbst dann keine Freude mehr am Leben zu haben oder haben zu dürfen? Nicht mehr Genießen und ja auch Konsumieren zu dürfen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.  

Als Psychologin darf ich sagen: der Zusammenhang, das Ganzheitliche bringt auch enormen Spaß. Den Sinn zu suchen, zu sehen und zu finden – etwas zu verstehen. Aha-Erlebnisse. Kann erschütternd sein, aber auch ein Hochgenuss. Und ich liebe es, den Zusammenhang bewusst zu genießen! Verzicht ist nämlich auch keine Lösung. Es verkennt den Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und nachhaltigem Handeln. In Unternehmen, in der Familie, in der Umwelt und bei der eigenen Gesundheit. Denn:

Lust macht Nachhaltigkeit nachhaltiger. Zusammenhang wiederum macht Sinn. Und auf Sinn-Suche ist die Menschheit seit sie denken kann.

Aber wenn wir nicht aufhören den Zusammenhang auszublenden und zu zerstückeln, hat es größere Auswirkungen als „nur“ unzufriedenen Kunden aufgrund einer mangelhaften CX-Strategie. Es wird wieder einen Knall geben. Im Bereich Gesundheit, Umwelt und Klima. Der macht zwar dann auch wieder einen Sinn, weil er uns an den Zusammenhang erinnert – aber er macht vielleicht dann nicht so viel Spaß…